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Foto (m): Abigail Grull und Zhen Hu/unsplash

Die Bevorzugung der Sprachen

Olenka Bordo Benavides erlebt es täglich in ihrer Arbeit im Bereich rassismuskritischer Bildung: Wie Sprachpolitik an Schulen und Arbeitsplätzen Ausschlussmechanismen befeuert. Für WIR MACHEN DAS liefert die Sozialwissenschaftlerin eine kritische Betrachtung

Von Olenka Bordo Benavides, 29.10.2019

In einsprachigen Bildungseinrichtungen besteht meist ein Sprachgebot: Kinder und Jugendliche sollen nur die Amtssprache des Landes sprechen und zwar von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung. Durch diese Dominanzsprache wird eine sprachliche Assimilation forciert, die Sprache der Minderheit wird dabei verdrängt beziehungsweise ausgelöscht. Dabei gehe es um Bildungschancen, so wird größtenteils argumentiert.

Mein Argument: Die eigene Erstsprache oder Erstsprachen zu sprechen ist ein Menschenrecht. Und in Zeiten von zunehmender Diskriminierung müssen wir die Sprachpolitik, die in unserem Alltag an so vielen Stellen greift, unter gesellschaftlich-historischem Aspekt diskutieren.

Nehmen wir an, in einer Schule wurde entschieden, dass die „Amtssprache“ Deutsch sein soll: Die Schüler*innen sollen sowohl während des Unterrichts als auch in den Pausen Lautsprache Deutsch sprechen. Entschieden wurde, dass es zwar keine Sanktionen geben solle, die Kinder aber, sobald sie die Amtssprache nicht nutzen, an die Regel erinnert würden. Diese Entscheidung wurde demokratisch getroffen, alle Beteiligten, auch Schüler*innen, hatten die Möglichkeit, sich per Wahlzettel daran zu beteiligen.

Durch die Institutionalisierung solcher Sprachgebote sind Konflikte und Ausschlüsse vorprogrammiert. Es entsteht eine Art Kontrollsystem, das in Schulpausen wirkt. Und das kann Ausschlussmechanismen erzeugen, aus denen Mobbing oder Diskriminierung entstehen – also Unterdrückungsmechanismen innerhalb der Institution.

Selbst die vermeintlich demokratische Wahl ist problematisch. Denn sie ist nur vermeintlich demokratisch, weil in einer Bildungsinstitution bestimmte Dominanzverhältnisse herrschen. Verhältnisse, die oft dazu führen, dass bestimmte Personengruppen bestimmte Entscheidungen treffen, die mehrheitskonform sind. Gründe dafür gibt es viele. Oft geht es darum, zu den „wichtigen wir“ zu gehören, etwa dem „wir“ der (deutschsprechenden) „Bestimmer*innen“. Ebenso oft geht es darum, „bloß nicht aufzufallen“. Dazu kommt, dass Sprachvereinbarungen, Sprachgebote und Sprachverbote suggerieren können, dass Grundrechte per demokratischem Votum aufgehoben werden können, wenn eine Mehrheit sich dafür entscheidet. Und schon deshalb bleibe ich dabei: Sprache, als Teil der eigenen Identitäten, ist ein Menschenrecht!

Die beschriebenen Vereinbarungen und Verbote können, egal, wie sie entstanden sind, auch dazu führen, dass bei jungen Menschen das Gefühl entsteht, dass Identitätsmerkmale wie ihre Erstsprachen nicht geschätzt oder gar nicht gewünscht werden. Menschen, die sich anpassen, um nicht aufzufallen, um nicht diskriminiert zu werden, hören dadurch auf, diese Sprache(n) zu sprechen – sowohl in Bildungs- als auch in anderen Lebensbereichen.

Zu Hause sprechen wir Deutsch

Die deutsche Pädagogik spiegelt an diesem Punkt Vergangenheit und Gegenwart wider. Und auch wenn wir uns die Kolonialgeschichte Europas insgesamt anschauen, zeigt sich, dass dabei Identitätsaspekte von Regionen und Menschengruppen unterdrückt wurden – als grausame Strategie, um Regionen zu okkupieren und zu beherrschen. Dabei spielte die Aufrechterhaltung von Macht durch die Ausrottung von Sprachen eine große Rolle. Und sie spielt es auch immer noch.

Bis heute werden, in der pädagogischen Praxis, kolonialrassistische Strukturen weitergetragen. Im Falle der Glottophagie, der Verdrängung oder Auslöschung einer Sprache, geht es noch immer um das Erreichen von sozialem, kulturellem oder wirtschaftlichem Nutzen für die Dominanzgesellschaft. Es zeigt sich bereits bei der Festsetzung sogenannter Amtssprachen im Globalen Süden: Durch koloniale Sprachen, wie Französisch, Spanisch oder Englisch, wurden und werden Ausschlüsse der verschiedenen regionalen Erstsprachen institutionell geschaffen. Bildungspolitische Entscheidungen sind also auch profitorientierte Entscheidungen: Es geht um Leistungspotenziale für die Dominanzgesellschaft. Beispiele finden sich weltweit. Im Zuge ihrer kulturellen und sprachlichen Unterdrückung in Deutschland etwa verleugneten viele Sorb*innen ihre Identität. In Peru haben viele Familien aufgehört, Quechua zu sprechen, damit ihre Kinder die Amtssprache Spanisch „perfekt“ können, um im Bildungssystem nicht aufzufallen und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Quechua zu sprechen war in der Kolonialzeit und während der Inquisition lebensgefährlich. Eine Strategie – und ohnehin Pflicht – um zu überleben war, die Sprache der Kolonisator*innen zu beherrschen.

In meiner Arbeit als Beraterin und Pädagogin in Deutschland höre ich immer wieder von ähnlichen Strategien. Zum Beispiel, wenn Eltern ihre Kinder in „deutsche“ Klassen stecken wollen. Oder wenn mir berichtet wird, dass Kita-Kinder aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit zur Logopädie müssen, sprich pathologisiert werden. Ein Vater erzählte mir einmal voller Sorge, er spräche nicht mehr die eigene Erstsprache zu Hause, damit sein Kind in Deutschland eine Zukunft habe. Er berichtete, dass sie nun Englisch, Französisch und Deutsch miteinander redeten, weil er selbst Rassismus und Ausgrenzung an einer einsprachigen Schule erlebt hätte. Der Preis: die Sorge, dass das Kind mit der eigenen Familie, etwa mit den Großeltern, nicht mehr kommunizieren könne. Die sozialen Kosten eines transnationalen Lebens.

Dieses Beispiel zeigt eine Anpassung an die Erwartungshaltung einer Gesellschaft, die einerseits Mehrsprachigkeit defizitär betrachtet, wenn es um Türkisch, Arabisch oder Romanes geht, anderseits dominante Sprachen wie Französisch und Englisch wertschätzt und anerkennt, nicht zuletzt auch im Curriculum.

Natürlich sind Ausgrenzungserfahrungen auch abhängig von der eigenen gesellschaftlichen Position. Als migrantische, spanischsprachige, lightskinned Afroperuanerin erlebe ich in Deutschland bestimmte strukturelle Diskriminierungen. In Peru dagegen eher weniger, weil ich als lightskinned Person aus Lima bestimmte Privilegien besitze, wie etwa Spanisch als Erst- und Familiensprache zu beherrschen.

Transnationalität muss mitgedacht werden

Interessanterweise erleben bereits viele Menschen weltweit Mehrsprachigkeit als Normalität. Doch für viele andere bleibt sie noch immer sehr befremdlich. Eine Gesellschaft, die ein einsprachiges Bildungssystem aufrechterhält, die Sprachen hierarchisiert, Mehrsprachigkeit in bestimmten Fällen als defizitär darstellt und die immer wieder aufs Neue diskutiert, ob das „Deutschsprechen alleinige Voraussetzung für eine Einschulung“ oder für schulischen und beruflichen Erfolg ist, muss sich kritisch fragen, inwiefern sie sich bildungspolitisch mit der Thematik Transnationalität, Diversität und Bildung auseinandergesetzt hat.

Gehen wir davon aus, dass durch konsequente, alleinige Nutzung der Zweitsprache und bei gleichzeitigem Verbot der Erstsprache besser gelernt wird? Und selbst wenn es so wäre: Die Strategie ist nicht förderlich für die Identitätsentwicklung junger Menschen. Zudem zeigen Ergebnisse aus der Hirn- und neurolinguistischen Forschung auf, dass frühkindliche Mehrsprachigkeit kognitive Vorteile mit sich bringt.

Ich wundere mich seit Jahrzehnten, wieso Sprachkompetenzen nicht im Ausbildungscurriculum angehender Fachkräfte im Bildungsbereich zu finden sind. Warum diskriminierungs- und rassismuskritische Inhalte oder die Förderung von stärkenden Maßnahmen nicht auf dem Lehrplan stehen. Warum, unter anderem in den didaktischen Medien, keine Strategien entwickelt werden, um alle vorhandenen Sprachen erlebbar zu machen, so dass junge Menschen sich darin als handelnde Personen und nicht mit klischeehaften oder gar diskriminierenden Darstellungen wiederfinden können.

Wenn wir nachhaltige Bildungschancen für alle wollen, müssen sich Lehrstrukturen an die gesellschaftlichen Transformationen anpassen und sich von neokolonialen Ansätzen wie Glottophagie distanzieren. Eine wertschätzende Haltung gegenüber allen Identitätsaspekten junger Menschen ist dabei unerlässlich.

Ja, im Bildungsbereich zu arbeiten fordert heraus.

Literatur:

Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.) (2011): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: UNRAST Verlag.

Berkenbusch, Gabriele/Bierbach, Christine (Hg.) (1994): Soziolinguistik und Sprachgeschichte: Querverbindungen. Tübingen: Gunter Narr Verlag.

Bordo Benavides, Olenka (2018): Empowerment mit Kindern und Reflexionen für die pädagogische Arbeit. In: Institut für den Situationsansatz/Fachstelle Kinderwelten (Hg.): Inklusion in der Fortbildungspraxis. Lernprozesse zur Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung begleiten. Ein Methodenhandbuch. Berlin: Wamiki, S. 44.

Dies. (2016): Migración y ¿desarrollo? Cadenas globales de cuidados: El costo social de la[s] familia[s] transnacional[es]. In: Kniffki, Johannes/Christian Reutlinger (Hg.): El trabajo social desde miradas transnacionales – experiencias empíricas y conceptuales. Soziale Welt quer denken 2. Berlin: Frank & Timme, S. 193–203.

Dies. (2015): Kolonialisierung/Dekolonialisierung und Dekolonialisierungsprozesse in Lateinamerika, ihre Aktualität in der Entwicklungsdebatte. In: Sozialarbeit des Südens, Bd. 6 – Soziale Entwicklung – Social Development. Hg. von Lutz, Ronald/Ross, Friso. Oldenburg: Paulo Freire Verlag, S. 123–129.

Dies. (2014): Vermittlung von Stereotypen und Vorurteilen im Kindesalter – „Pippi Langstrumpf“ als Buch und als Film [gelesen und gesehen aus einer „anderen“ Perspektive]. In: Heinrich-Böll-Stiftung: Dossier „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!“ Vorurteilsbewusste Kinderliteratur jenseits hegemonialer Weltbilder; https://heimatkunde.boell.de/2014/02/24/vermittlung-von-vorurteilen-und-stereotypen-im-kindesalter-pippi-langstrumpf-als-buch-und.

Broden, Anne/Mecheril, Paul (2010): Rassismus bildet. Bildungswissenschaftliche Beiträge zu Normalisierung und Subjektivierung in der Migrationsgesellschaft. Bielefeld: Transcript.

Castro-Gómez, Santiago/Grosfoguel, Ramón (2007) (Hg.): El giro decolonial, reflexiones para una diversidad epistémica más allá del capitalismo global. Bogotá: Pontificia Universidad Javeriana/Siglo del Hombre Editores.

Crenshaw, Kimberlé (1993): Demarginalizing The Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics 383. In: D. Kelly Weisberg (Hg.): Feminist Legal Theory: Foundations.

Dirim, Inci/Mecheril, Paul et al. (2018): Heterogenität, Sprache(n), Bildung. Bad Heilbronn: Verlag Julius Klinkhardt.

Mecheril, Paul und Quehl, Thomas (Hg.) (2006): Die Macht der Sprachen. Englische Perspektiven auf die mehrsprachige Schule. Münster: Waxmann Verlag.

Zavala, Virginia/Córdova Gavina (2010): Decir y callar. Lenguaje, equidad y poder en la universidad peruana. Lima: Pontificia Universidad Católica del Perú.

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Links:

„Gespräch mit Dr. Emilia Zenzile Roig“ (2019): Sibylle Berg | Nerds retten die Welt. Folge 18: Gespräch mit Dr. Emilia Zenzile Roig, Gründerin und Direktorin des Center for Intersectional Justice sowie Dozentin im Social Justice Study Abroad Program der Chicago DePaul University: https://www.republik.ch/2019/06/18/nerds-retten-die-welt?fbclid=IwAR3hNYOh13Kj4lSkoZQKv3YsJgtC5VguV2l-hNs3th2uyv53pU4lvIGgDm0.

„Wenn Schüler kaum Deutsch sprechen“ (2019): https://www.dw.com/de/wenn-schüler-kaum-deutsch-sprechen/a-50058192.

„Linnemann gegen Einschulung bei mangelnden Deutschkenntnissen“ (2019):

https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-08/carsten-linnemann-grundschule-integration-deutschkenntnisse-cdu.

„Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem“ (2015): https://www.mercator-institut-sprachfoerderung.de/fileadmin/Redaktion/PDF/Publikationen/MI_ZfL_Studie_Zugewanderte_im_deutschen_Schulsystem_final_screen.pdf.

„Die CSU spielt Migranten-Polizei“ (2014): https://www.spiegel.de/politik/deutschland/csu-will-dass-migranten-zuhause-deutsch-sprechen-a-1006932.html.

Mehrsprachigkeit aus neurolinguistischer Sicht: https://core.ac.uk/download/pdf/35096998.pdf

Deutsche Gebärdensprache – Lautsprache: http://www.gehoerlosen-bund.de/faq/deutsche%20gebärdensprac

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