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Foto [M]: Maritta Iseler

Aua bye bye

Politische Ereignisse in der Heimat aus Migrationsperspektive zu erleben, kann eine Herausforderung sein. Saskya Jain darüber, wie sie die indischen Wahlen von Berlin aus verfolgt hat und warum sie auf die junge Generation zählt – in Indien wie in Europa.

Von Saskya Jain, 16.07.2019

Am 23. Mai 2019 gehe ich mit meiner 18 Monate alten Tochter zu einer indischen Wahlparty in Berlin. Die Luft ist drückend. „Aua“, kommentiert die Kleine und zupft an ihrem Pullover. Soll heißen, ihr ist zu heiß.

Aua beschreibt auch ganz gut, wie ich mich fühle. In meiner Heimat wurde das Ergebnis der Wahlen verkündet: Premierminister Narendra Modi, Kandidat der rechtskonservativen Bharatiya Janata Partei (BJP), wird bald seine zweite Amtszeit antreten – dank einer hindu-nationalistischen Kampagne und mit einer viel größeren Mehrheit als erwartet.

Schon bevor dies feststand, hatten sich die Wahlen als desillusionierend erwiesen. Anstatt Klimawandel, marode Bildungsstrukturen und wachsende Arbeitslosigkeit zu thematisieren, haben alle Parteien eine traurige Wahlkampf-Show abgeliefert, die sich um substanzlose Rhetorik und persönliche Attacken drehte.

Die Wahlparty in Berlin, wo ich den Großteil des Jahres lebe, wird von meinem Freund Raghav veranstaltet. Er ist Anthropologe an einer deutschen Universität und seit einigen Jahren Wahlberliner. Wir treffen uns in seiner Kreuzberger Wohnung, um die Ergebnisse zu diskutieren, indische Nachrichten im Internet zu schauen und uns gegenseitig Mut zu machen. Noch bevor wir eintreten, begrüßt uns ein Hauch Heimat: Amit, ein alter Freund aus Delhi, brät am Herd Dal-Puri aus dem Asia-Markt.

Er ist nach Berlin gezogen, weil die Mutter seines Sohnes Pakistanerin ist und das ständige Bangen um ihr Visum irgendwann unerträglich wurde. Sunny, Anjana und Karan haben Rindfleisch mitgebracht, aus Protest gegen den Hindu-Nationalismus der indischen Regierung, unter der mehrfach muslimische Jugendliche zu Tode geprügelt wurden, weil sie angeblich das heilige Tier verzehrt haben. Sonam, eine Künstlerin, lebte bis zum Brexit-Referendum in London.

Für uns alle ist Berlin eine Oase, ein Schimmer Utopie in einer Welt, in der nationalistische Bewegungen miteinander im Wettlauf zu sein scheinen. Dennoch wären wir gerade heute gerne in der Heimat. Trotz Modi und dem peinlichen Medienspektakel, das nun folgt.

„Es kommt mir vor, als wären wir ein gesellschaftliches Phantomglied“, sagt Amit. „Der Schmerz ist echt, aber wir sind nicht wirklich Teil des leidenden Körpers.“ Seit dem Morgen telefonieren und e-mailen wir mit Familie, Freund*innen und Kolleg*innen „back home“.

Raghav liefert uns im Laufe des Abends zahlreiche Fakten: Allein die Zahl der Wahlhelfer*innen und Sicherheitsbeamt*innen übersteigt die Bevölkerung von Portugal um fast eine Million. Dieses Jahr durften neunhundert Millionen Männer und Frauen wählen, das entspricht jedem achten Menschen auf der Welt. In Indien findet man den höchstliegenden und den kleinsten Wahlkreis der Welt – auf über 4500 Metern in einem Dorf im nördlichen Bundesstaat Himachal Pradesh und tief im Löwenpark Gir, im westlichen Bundesstaat Gujarat. Im Vergleich dazu sind die Europawahlen fast überschaubar –Wahlen, die hauptsächlich in urbanen oder semi-urbanen Regionen stattfinden und deren Wahlberechtigte gerade mal vierhundert Millionen Menschen ausmachen.

Indische Wähler*innen leben auf Inseln, in der Wüste, in Hochhäusern und unter freiem Himmel; zu ihnen zählen einige der reichsten Bürger*innen der Welt, aber auch viele Millionen Analphabet*innen. Die Zahl der Erstwähler*innen dieses Jahr war höher als die der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Keine Frage, der „größten Demokratie der Welt“ dabei zuzusehen, wie sie wählen geht, ist eine hoffnungsstiftende Angelegenheit. Dennoch gibt es gute Gründe dafür, die Hoffnung in Anführungszeichen zu setzen.

Denn Modis Erfolg war wieder einmal ein Sieg des großen Geldes, der Lobbyist*innen. Das Budget für die Wahlkampagne der BJP war zwanzig Mal so groß wie das aller anderen Parteien zusammen.[1] Im März und April 2019 wurden umgerechnet 514 Millionen Dollar an politische Parteien gespendet. Einzelne Spenden waren so hoch, dass sie vermutlich nicht von Privatmenschen, sondern von Lobbyist*innen und Unternehmen stammten. Und ein neues, von Modi eingebrachtes Gesetz verhindert die Veröffentlichung der Spender*innen und Empfänger*innen, angeblich um die Bürger*innen zu schützen.[2]

Über Modis eigenen Fernsehkanal NaMoTV wurden Meinungen in jedem seiner Wahlkreise geformt. Zudem kam es kurz vor den Wahlen zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan, und die mediale Botschaft im Land war eindeutig: Indien steht unter Beschuss und braucht einen starken, patriotischen Führer wie Modi. In regierungskonformen Medien wurden ihm sämtliche Errungenschaften zugeschrieben. An politischen Fehlschlägen, hieß es, seien die Opposition und die liberale Elite schuld. Mit diesem Mantra wurden bereits während Modis erster Amtszeit private Institutionen und Universitäten angegriffen. Die BJP-Regierung des Bundesstaats Uttar Pradesh hat diesen Monat ein neues Gesetz verabschiedet, das es privaten Universitäten untersagt, „anti-nationalen Aktivitäten“ nachzugehen, und das dem Staat erlaubt, notfalls „einzugreifen“. Was dies genau bedeutet, wird man, so steht zu befürchten, wohl in naher Zukunft erfahren.

Dieses zunehmende Stutzen der Freiheit im Namen des Patriotismus zählt mittlerweile zu den traurigen Gemeinsamkeiten von Indien und Europa. Ungarns Ministerpräsident Victor Orbán prägte den Begriff der „illiberalen Demokratie“, um seine autokratische Regierungsform zu beschreiben. Polens Jarosław Kaczyński hat ähnliche Pläne. In Deutschland erreichte die nationalistische AfD bei den Europawahlen mithilfe populistischer und fremdenfeindlicher Rhetorik in zwei Bundesländern die Mehrheit der Wähler*innen. 92 Abgeordnete einer Partei, die unter anderem auch den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel abstreitet, sitzen derzeit im Bundestag.

Auf der Wahlparty möchte meine Tochter ein Dal-Puri probieren. Sie verschlingt es. Verlangt noch eins. Ich freue mich, dass sie indisches Essen mag und sogar eine Vorliebe für Chilis hat. So naiv das klingen mag, es lässt mich hoffen, dass meine Heimat auch ein Teil von ihr ist. Aber am heutigen Abend frage ich mich, wie diese Heimat in Zukunft aussehen wird.

Klimaschutz und die extreme Luftverschmutzung der indischen Städte spielten in diesen Wahlen nicht die geringste Rolle. Wie realistisch ist also der Plan von meinem Mann und mir, dass wir in naher Zukunft mit unserer Tochter ein paar Jahre in Indien leben werden? Wenn sich die Umwelt-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik Indiens nicht radikal ändert und ein sozialeres, ressourcenorientiertes System geschaffen wird, versinkt das Land bald in einer menschenrechtlichen Katastrophe.

Aber radikale Maßnahmen werden meist nur von Privatbürger*innen initiiert, wie etwa dem jungen Anwalt Afroz Shah aus Mumbai und seinem 84-jährigen Nachbarn Harbanch Mathur. Die beiden stellten sich 2015 der Mammutaufgabe, den zugemüllten Versova Beach in Mumbai per Hand zu säubern. Neunzig Wochen und zwanzig Millionen Kilogramm Müll später glitzert der Strand dank Hunderter freiwilliger Helfer*innen heute wie ein Tropenparadies. Zum ersten Mal seit vielen Jahren schlüpfen dort wieder Babyschildkröten. Doch es braucht eine grundlegend neue soziale Bewegung, um das dichte Geflecht von Nationalismus, Industrie-Lobby und Medienmacht zu durchbrechen. Greta Thunbergs inzwischen internationale Bewegung „Schulstreiks für das Klima“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass ziviler Einsatz, vor allem ausgehend von der kommenden Wähler*innen-Generation, die träge Politik positiv beeinflussen kann.

„Aua“, sagt meine Tochter und zeigt mir ihre Hand. Das Dal-Puri war innen noch zu heiß. Ich puste auf ihre Finger. „Aua bye bye“, sagt sie und lächelt. Wenn es bloß so einfach wäre.

 

*Alle Namen im Text geändert.

[1] https://newrepublic.com/article/154011/arundhati-roy-indias-elections-a-mockery-democracy-supposed-be am 20.6.2019

[2] https://thewire.in/political-economy/elections-2019-electoral-bonds-bjp am 20.6.2019

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