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Illustration: Tuffix (2019)

#vonhier

Auch wenn manche Identitäts-Definitionen dieser Tage unbequem komplex erscheinen: In der Regel wissen wir doch alle selbst am besten, wer wir sind.

Von Säli El Mohands, 18.06.2019

Es ist der erste Tag meines Praktikums als Medizinstudentin auf der chirurgischen Station. Im Gang sehe ich die Chefärztin. Ich werde nervös, stelle mich vor, sie bleibt stehen und fragt: „Woher kommen Sie?“ Kurz darauf liest sie laut meinen Nachnamen von dem Schild ab, das an meinem Kittel hängt. Ob sie meint, wo meine Eltern herkommen, frage ich. Sie lacht. „Mir ist doch egal, wo Ihre Eltern herkommen. Ich will wissen, wo SIE herkommen. Aus welcher Stadt, wo Sie studieren!“ Die Chefärztin hat selbst einen türkischen Migrationshintergrund – die Hälfte der Ärzt*innen hier hat irgendeinen. Wie konnte ich trotzdem wieder in diese Falle tappen? Wo ich mir doch versprochen hatte, deutlich zu machen, dass ich aus Berlin komme, deutsch bin – dass ich meinen Migrationshintergrund außen vor lasse? Ich ärgere mich über mich selbst.

Ich bin es einfach gewohnt, meine Antworten den Fragen meines Gegenübers anzupassen. Denn als Antwort auf die Frage „Wo kommst du her?“ sind viele mit „Berlin“ unzufrieden. Also habe ich mir antrainiert, direkt mit „Ich bin in Berlin geboren, aber meine Eltern kommen aus Ägypten“ zu antworten. Was Herkunft für mich tatsächlich bedeutet, habe ich mich selbst nie gefragt. Meiner Mutter war schon immer wichtig, dass ich mich bestmöglich „anpasse“, um bessere Chancen in diesem Land zu haben. Deutsch wurde also zu meiner Muttersprache, es gab nur deutsches Fernsehen, und auch unsere Freund*innen und Nachbar*innen hatten deutsch zu sein. Wohl habe ich mich damit nie wirklich gefühlt. Aber genauso unwohl habe ich mich gefühlt, wenn ich mit meinen Eltern im Urlaub in Ägypten war. Dort fühlte ich mich als Fremde, auch wenn meine große Familie mir ein Gefühl von Zuhause vermittelte. Für Deutschland fühlte ich mich zu ägyptisch und für Ägypten zu deutsch. Was nun? Woher komme ich?

Seit zwei Jahren knüpfe ich immer mehr Kontakte zu Menschen wie mir. Zu Menschen mit Migrationshintergrund, die ähnliche Erfahrungen gemacht und ähnliche Perspektiven haben – ganz unabhängig von ihrem Background. Ich habe gemerkt, dass man auch in dieser Community häufig die Frage gestellt bekommt „Woher kommen deine Eltern?“. Und ja, sie nervt auch dann, wenn sie von nicht-weißen Deutschen gestellt wird. Spätestens wenn es heißt: „Du siehst aber gar nicht ägyptisch aus! Ich hätte eher auf Libanesin oder Irakerin getippt.“ Solche Kommentare hätten genauso gut von „dem Deutschen“ kommen können, der denkt, ich sei aus der Türkei oder Israel.

Tatsächlich nimmt sich jeder, und auch wirklich jeder, das Recht, über mein Aussehen und meine Herkunft zu urteilen. Kurze Frage: Warum habe ich nicht das Recht, meine Herkunft selbst zu bestimmen? Warum muss ich die Vorurteile meines Gegenübers bestätigen? Lass mich doch heute deutsch, morgen ägyptisch und übermorgen etwas komplett anderes sein. Lass mich bitte selbst entscheiden, wann und wie ich über meine Herkunft reden will. Wenn du etwas über meinen Migrationshintergrund wissen willst, kein Ding, go for it, frag nach. Aber reduziere mich nicht darauf: Ich bin mehr als das Kind von Eltern aus Ägypten.

Wenn ich also sage, ich komme aus Berlin, dann komme ich aus Berlin. Und wenn mein Gegenüber das hinterfragt, nimmt er oder sie mir das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstbezeichnung. Ich weiß nämlich nicht, wer das Recht haben soll, darüber zu entscheiden, wer deutsch ist und wer nicht, wer integriert ist und wer nicht.

Ich mache es mir jetzt mal bequem und sage: Ich bin „Alman“ und „Känäx“, deutsch und ägyptisch, alles in einem. Und ja, „integriert“ bin ich auch. Wahrscheinlich muss ich mich noch daran gewöhnen, das auch selbstbewusst vorzutragen. So oder so kann ich sagen: Ich bin #vonhier.

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