Illustration: Moshtari Hilal (2019)
Illustration: Moshtari Hilal (2019)

„Meine Stimme bringt mehr, wenn sie unabhängig bleibt“

Einst jüngste Büroleiterin im Bundestag, heute Unternehmensgründerin, Autorin und Politikberaterin – Diana Kinnert hält sich nicht mit Kleinigkeiten auf. Über ihre Vorstellung von einem diversen Deutschland spricht sie mit Azadê Peşmen.

Von Azadê Peşmen, 26.03.2019

Illustration von  Moshtari Hilal.

Helles Holz, gut ausgeleuchtetes Interieur, von der Deckenbeleuchtung bis zu den Wänden ist so ziemlich alles weiß. In dem Restaurant-Café, das Diana Kinnert als Treffpunkt vorschlägt, tippen junge Frauen stakkatoartig in ihre Laptops. Trotzdem wird die Lo-Fi Musik irgendwann zu laut für ein Interview und wir verlegen das Gespräch in einen verglasten Raum mit guter Schallisolierung. Den Ort hat Diana Kinnert nicht zufällig vorgeschlagen. Auf den ersten Blick wirkt er wie eines dieser schicken Cafés, die es zuhauf in Berlin-Mitte gibt. Tatsächlich aber ist es eine Plattform für Ernährungs-Innovationen, die über die Speisekarte in den Mainstream gebracht werden sollen. Angeboten wird beispielsweise der Jackfruit-Burger als vegane Alternative zum Fleischformat. Die Frucht ist in südostasiatischen Ländern weit verbreitet, sodass die Bauern dort kaum mit der Ernte nachkommen, erklärt Kinnert. Nachhaltiger als eine Avocado ist sie damit allemal.

Innovation, Fortschritt, Technologie – das sind die Wörter, die häufig fallen, wenn Kinnert erzählt, an welchen Projekten sie gerade arbeitet. Die Begriffe, die mit ihr selbst assoziiert werden, sind: jung, lesbisch, konservativ. Falls noch Platz in der Überschrift bleibt, dann auch „migrantisch“. „Traurig, dass unsere Gesellschaft noch immer so tickt und dass das die Schlagwörter sind“, sagt sie und schenkt sich Apfelsaft ein. Wenn die 28-Jährige Mitglied bei den Grünen wäre, hätten Zeitungen in der Vergangenheit nicht so oft über sie berichtet. Aber sie gilt nun mal als Shooting-Star der CDU. Bei den Grünen wäre vermutlich eher ihr Jesus-Tattoo am Arm aufgefallen. Kinnert ist in einem katholischen Haushalt aufgewachsen, Religion hat in ihrem Leben einen hohen Stellenwert. Doch bei aller vermeintlichen Ambivalenz greift dieses politische Schubladendenken ohnehin nicht bei ihr, schon deshalb, weil es schlicht nicht mehr zeitgemäß ist. „Mittlerweile haben wir CDUler, die die Frauenquote in jedem Parlament haben wollen und extrem linke Positionen vertreten. Es mischt sich heute so vieles, dass ich es traurig finde, wenn die Leute sagen: jung, homo und Migrant sein ginge nicht in einer christdemokratischen Partei.“

Vermeintliche Widersprüche zusammen bringen

Der große Hype um Diana Kinnert, die Welle an Artikeln, die sich an den vermeintlichen Widersprüchen abarbeitet, ist mittlerweile abgeebbt. Leerer ist ihr Terminkalender deshalb nicht. Sie spricht weiterhin regelmäßig in Talkshows und Radiosendungen, schreibt Gastbeiträge und Kommentare, arbeitet an Büchern. „Aber viele dieser Dinge sind ja temporär“, wiegelt sie ab, als sei es eine Selbstverständlichkeit, dass man mit 28 Jahren bereits an zwei Restaurants beteiligt ist, mehrere Unternehmen gegründet hat und nebenbei Politiker*innen und Firmen berät.

Bei Diana Kinnert geht eben alles schneller, nicht 90 BPM, sondern eher 150. Sie braucht diese Geschwindigkeit, um glücklich zu sein, zumindest wirkt es so, wenn sie von ihrem Pensum erzählt. Außerdem lenkt Arbeit ab. Von privaten Schicksalsschlägen, wie dem Tod ihres politischen Mentors Peter Hintze und dem ihrer Mutter, die beide im selben Jahr starben. „Ich bin immer noch dabei, mich zu beruhigen“, erzählt sie knapp über den Prozess, damit umzugehen. Ihre eigene Person stellt sie selten in den Vordergrund.

Es geht Kinnert nicht um sich selbst, sondern um die Projekte, die sie mitentwickelt. In die konkrete Arbeit der Partei ist sie derzeit deshalb nicht eingebunden: „Ich habe mich so an meine eigene Geschwindigkeit und an willkürliche Kreativphasen gewöhnt, dass ich eine schlechte Angestellte wäre.“ Sie hat noch nie ein Bewerbungsschreiben verfasst. Schon dass sie für einen TEDx-Talk in Marrakesch eine Kurzvita schreiben musste, war für sie ungewohnt.

Eine Arbeit jenseits der Stereotype

Tatsächlich ist es schwierig, sich bei Kinnerts Lebenslauf kurz zu halten: Unter anderem hat sie die newsgreen GmbH mitgegründet, eine Plattform, die sich mit „grünen“ Innovationen und Technologien beschäftigt. Ein Thema, das sie als Teil eines großen Ganzen sieht, weil sie Europa als Tech-Standort stärken will. Auch bei der Globalo News Publishing GmbH ist sie Geschäftsführerin. Die Premiere des Films „Love is Tolerance – Tolerance is Love“, an dem sie beteiligt war, feierte kürzlich Premiere. Er porträtiert starke Frauen, Jesidinnen, die gegen den IS kämpfen oder Aktivistinnen wie die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousefzai. Es sind Projekte, die aktuelle politische Themen aufgreifen und umsetzen, die sie besonders interessieren.

Kinnert berät deshalb nicht nur Unternehmen, sondern auch den kanadischen Premierminister in Demografiefragen und ihre eigene Partei darin, wie sie sich erneuern kann. „Kulturarbeit“ nennt sie das. Weil sie damit eine Offenheit für Themen schafft, die ihr wichtig sind – ohne einen Job in der administrativen Politik, der feste Arbeitszeiten und Strukturen vorsieht. Eines ihrer leidenschaftlich propagierten Themen ist derzeit Einsamkeit. Für Deutschland wünscht sie sich eine Anti-Einsamkeits-Offensive, ähnlich wie der in Großbritannien, einem Land mit ebenfalls stark alternder Gesellschaft, wo es bereits eine Staatsministerin für Anti-Einsamkeit gibt.

„Das was ich alles mache, hat nichts damit zu tun, ob ich queer bin oder nicht“, sagt sie zum Abschluss. Noch immer wird Kinnert von manchen Seiten für ihre sexuelle Orientierung angefeindet. Doch solche Erfahrungen beschreibt sie bestenfalls kurz, es ist nicht ihr Thema. Kinnert verweist schlicht auf Feminist*innen, die dazu eher in der Öffentlichkeit sprechen. Damit ist sie im besten Sinne Multiplikatorin für eine junge Generation, die ihre Revolutionen im Kleinen und im Großen sieht und bereits an vielen Stellen erfolgreich versucht, sich jenseits von Stereotypen und Zuschreibungen zu bewegen. Vielleicht trug der Titel ihres TEDx-Talks in Marrakesch ein wenig dazu bei, um aus dieser Erkenntnis wieder Gemeinsamkeit zu schaffen. In der Unterzeile hieß er: „How Identity Politics Went From Inclusion to Division.“

Ein Text, der in der Rubrik Superwoman erscheint? “Damit kann ich leben”, sagt Diana Kinnert – und arbeitet weiter daran, sich von Labeln, die andere für sie vorsehen, zu befreien.

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