Auszug aus der Comicreportage »Brot, Salz und verrückter Käse« ? Text: Muhammad Al Ajeel; Zeichnungen: Julia Kluge
Auszug aus der Comicreportage »Brot, Salz und verrückter Käse« ? Text: Muhammad Al Ajeel; Zeichnungen: Julia Kluge

Alphabet des Ankommens

Comic-Journalismus eröffnet eine Alternative zu den üblichen Berichten über Flucht und Migration. Unsere Autorin hat an einem spannenden Projekt teilgenommen und dieses Format ausprobiert.

Von Asma Abidi, 07.09.2017

Die Art der medialen Aufbereitung von Flucht und Migration hat nur wenig Abwechslung zu bieten, und beim Leser stellt sich irgendwann das große Gähnen ein. Alle möglichen Themen haben die Medien seit Beginn der so genannten Flüchtlingskrise in Europa und Deutschland schon durchgekaut: Leben der Flüchtlinge, Flucht der Flüchtlinge, wie Flüchtlinge es geschafft haben, wie Flüchtlinge integriert werden etc. Um das Publikum bei der Stange zu halten, das ständig neue Storys hören will, hat man versucht, Artikel und Filmclips über die Flucht attraktiver zu machen, indem der menschliche Aspekt noch stärker betont wurde.

Ich persönlich finde die aktuelle Berichterstattung über Flüchtlinge und Migranten inzwischen einfach nur langweilig. Interessant sind allenfalls noch die Features, bei denen man eine Mischung aus Text, Bildern und Videosequenzen geboten bekommt. Immerhin spielt das Thema Migration für mich als Journalistin, die aus dem „südlichen Mittelmeerraum“ nach Deutschland gekommen ist, eine zentrale Rolle im Leben. Ich habe auch schon selbst über Flüchtlinge und Migranten geschrieben, aber immer nach den klassischen Mustern der Berichterstattung – bis zu dem Tag, an dem ich von der Möglichkeit erfuhr, sich für den Comicreportagen-Workshop „Alphabet des Ankommens“ zu bewerben. Schwerpunktthema des Workshops, der in Hamburg stattfand und vom Deutschen Comicverein in Zusammenarbeit mit Abwab , der ersten arabischen Online-Zeitung in Deutschland, veranstaltet wurde, war das Ankommen in einem neuen Land und die Herausforderungen, die die Integration und das Leben in einer bis dahin unbekannten Gesellschaft mit sich bringen. Außer mir hatten sich Journalist*innen und Comiczeichner*innen aus Italien, Frankreich, Syrien, Eritrea, Deutschland und anderen Ländern angemeldet. Die größte Herausforderung bestand für mich darin, innerhalb weniger Tage aus einer komplexen Story über Migration und Identität eine Comicreportage zu entwickeln. Meine Erfahrung auf diesem Gebiet ging gegen Null. Ich hatte lediglich ein paar Artikel übersetzt, aus denen dann Cartoons entstanden waren. Entsprechend viele Fragen gingen mir auf dem Weg von meinem Wohnort Bonn nach Hamburg im Kopf herum. Um welche Storys wird es gehen? Wie kann man eine Geschichte über Integrationsprobleme, Schwierigkeiten beim Leben in Deutschland und den Kulturschock für Neuankömmlinge in ein unkonventionelles, lockeres und unterhaltsames Format bringen?

In Hamburg machten wir Journalist*innen und Comiczeichner*innen uns erst einmal miteinander bekannt. Was uns verband, war zum einen die Tatsache, dass wir alle in Deutschland wohnen, zum anderen aber auch der Wunsch, eine neuartige Erfahrung zu machen, bei der zusammen gearbeitet und zusammen nachgedacht wird. Zunächst stellten die Journalist*innen ihre Storys vor und erklärten, aus welcher Perspektive sie sie gern behandeln würden. Die Zeichner*innen suchten sich daraufhin Partner*innen aus, mit denen sie gern arbeiten würden. Der Countdown lief: In wenigen Tagen musste die Comicreportage fertig sein. Was zunächst wie ein Kinderspiel aussah, entpuppte sich als äußerst schwierige Aufgabe, sowohl für die Journalist*innen, die noch nie Textsequenzen für Comic-Panels verfasst hatten, als auch für die Zeichner*innen, von denen die meisten noch nie einen fertigen Text oder Bericht als Vorlage genommen, sondern stets aus der Phantasie heraus gearbeitet hatten.

In meinem Artikel ging es um Bayan, eine junge Palästinenserin aus Hebron, die gerne etwas für ihr Land tun und die Gesellschaft, in der sie lebt, grundlegend verbessern möchte, dabei jedoch mit Schwierigkeiten konfrontiert ist und schließlich ihrer Heimat den Rücken kehrt, um an einer Frauenuniversität in Bangladesch zu studieren. Der Aufenthalt wird zu einer wichtigen Station für ihr Leben, ihr Studium, ihren Kampf für Frauenrechte und die gesellschaftliche Pionierarbeit. Als Bayan ein Stipendium erhält und nach Frankfurt kommt, um dort ihr Studium der Asienwissenschaften fortzusetzen, erfährt sie, wie schwierig es ist, sich zu integrieren, weil sie vom Umfeld aufgrund ihres Äußeren als Kopftuchträgerin eingestuft wird, was ihr jede Menge Diskriminierung und Vorurteile einbringt. Offenbar können sich wenige vorstellen, dass ein junges Mädchen mit Kopftuch sich als freie Frau für die Rechte von Frauen aus dem Nahen Osten einsetzt, damit sie eben gerade nicht zu Opfern von Vorurteilen werden. Entgegen der stereotypen Annahmen, können sie sehr wohl selbst aktiv werden und eine Veränderung zum Positiven bewirken.

Aus der Story einen Comic zu machen, gestaltete sich äußerst schwierig. Es erwies sich als kompliziert, Begriffe wie „Identität“, „Freiheit“, „Feminismus“ oder „Diskriminierung“ zu zeichnen. Ich arbeitete während des Projekts mit der Zeichnerin Ilki Kocer zusammen, für die es keine einfache Aufgabe war, die Geschichte zu zeichnen und bildlich darzustellen. Über die ganze Woche hinweg führten wir oft lange Diskussionen und unterhielten uns immer wieder über die einzelnen Storys. Die Seminarleitung hatten Lilian Pithan (Journalistin) und  Sascha Hommer (Comiczeichner) aus Deutschland. Sie gaben uns Tipps, so dass die Geschichten schließlich Form annahmen: beispielsweise die Story über einen Flüchtling aus Eritrea, der allein im Zug sitzt, oder die eines syrischen Kanun-Spieler, der auf der Suche nach einer deutschen Gruppe zum gemeinsamen Musizieren ist. Ziel war es dabei immer eine originelle Reportage zu machen, die das Interesse der Leser*innen weckt und die Phantasie anregt.

Foto: Deutscher Comicverein

Vielleicht gelingt es mit dem Comic-Journalismus, weiter neue Wege zu beschreiten, abseits der standardmäßigen medialen Aufbereitung von Flucht und Migration. Mit diesem Projekt hat sich gezeigt, dass die Nutzer sozialer Medien prinzipiell offen sind für dieses neuartige und originelle Format. Anders als bei herkömmlichen Reportagen nimmt die Hauptperson in der Comicreportage schärfere Züge an, durch farbliche Gestaltung und Linienführung des Zeichners erhält die Geschichte eine andere Dimension, die die Worte eines gewöhnlichen Textes nicht erreichen können. Im Rahmen des Workshops habe ich Zugang zum Comic-Journalismus und zur Comickunst gefunden, aber auch Wege des gemeinschaftlichen Arbeitens kennengelernt. Dabei wurden viele Themen diskutiert, zum Beispiel wie sich die Klischees über Geflüchtete wandeln oder die Notwendigkeit, ihren Geschichten eine menschliche Note zu verleihen. Außerdem habe ich gelernt, dass sich das Verfassen einer Comicreportage von der gewöhnlichen Arbeit als Autorin unterscheidet und eher dem Schreiben eines Drehbuchs für einen Film oder einen Zeichentrickfilm ähnelt. Aber der Weg ist noch weit. Die Reizthemen, die mit Flucht, Religion, Traumatisierung oder Integrationsproblemen zu tun haben, erfordern viel Fingerspitzengefühl.

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