Foto: Privat
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Home, Sweet Home?

Mit einem interaktiven Kunstprojekt gehen die Wissenschaftlerinnen Dina Wahba und Nayera Abdelrahman neue Wege, um über Migration nachzudenken. Über ihr Projekt home making und den Neustart in Deutschland haben sie mit WIR MACHEN DAS gesprochen.

Von Tanja Tabbara, 04.07.2019
Wie kamt ihr auf die Idee zu diesem Projekt und zu eurem ersten Workshop?

Dina: Wir leben beide seit zwei Jahren in Berlin. Und es ging uns darum, unsere Erfahrungen und die der Menschen um uns herum besser zu verstehen. Wir wollten den engen Rahmen der Wissenschaft aufbrechen, um direkter in die Gesellschaft wirken zu können.

Nayera: Zum Auftakt unserer Serie home making haben wir dafür junge Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Künstler*innen zusammengebracht, um in Podcasts, Installationen und mit Storytelling neue Ideen zu Themen wie Identität und Zugehörigkeit zu entwickeln. Die Inspirationen kamen dabei auf unterschiedlichsten Wegen: in einem Fall etwa über die Quasten am Schleier einer Großmutter, die im Nildelta in Ägypten lebte. Beim Workshop wurden diese Quasten mit Kronkorken verarbeitet, die die Teilnehmer*innen am Maybachufer aufgesammelt hatten.

Warum habt ihr euch für Installations- und Podcast-Formate entschieden?

Nayera: Mich haben ähnliche Workshops in Ägypten dazu inspiriert. Dort habe ich die Geschichten marginalisierter Gemeinschaften wissenschaftlich untersucht, die dann mit künstlerischen Mitteln neu erzählt wurden. Auch hier in Berlin wollten wir so die Wissenschaft aus der Ecke des „geschriebenen Wortes“ herauslocken.

Dina: Auch dadurch, dass wir unsere eigenen Erfahrungen und Interessen miteinbringen, den Blick also ganz bewusst auf uns selbst lenken. Uns interessiert, wie unsere eigenen Geschichten zu denen unseres Gegenübers passen. Das ist ein Weg, um Berlin auch zu unserem Zuhause zu machen.

Welche Rolle spielt das Thema Gender im Kontext von Migration und home making?

Dina: Es ist faszinierend zu sehen, wie geschlechtsspezifisch das Konzept von „Zuhause“ ist. In Ägypten ist es seit Jahrhunderten der Bereich der Frauen. Ein begrenzter Raum in einem patriarchalischen System. Auch in Deutschland gibt es diese Dynamik. Aber als ich herkam, um mir hier ein neues Zuhause aufzubauen, habe ich begriffen, dass Geschlechtergleichheit im häuslichen Bereich zumindest eine Möglichkeit ist. So eine Erkenntnis kann sehr ermächtigend sein, insbesondere im Migrationskontext. Im Workshop haben wir diskutiert, wie einige von uns versuchen, bestimmte Aspekte ihres früheren Zuhauses hier zu reproduzieren und gleichzeitig die Möglichkeiten aufgelockerter Gendernormen mitzudenken. Wir haben die Situationen miteinander verglichen und versucht, dabei nicht in schwarz-weiße Gegenüberstellungen von „freies Deutschland“ versus „patriarchales Ägypten“ zu rutschen. Wir wollten die Machtdynamiken genauer verstehen.

Ihr habt den Workshop zu einem Raum erklärt, in dem bestimmte Dinge „verlernt“ werden sollen. Was genau meint ihr damit?

Dina: Die deutschen und niederländischen Teilnehmer*innen waren allesamt Wissenschaftler*innen, die zum Nahen Osten arbeiten. Es war interessant zu sehen, wie sie ihren Platz in einer überwiegend arabischen Gruppe ausgehandelt und gefunden haben und wie sie über ihre eigenen Standpunkte als Wissenschaftler*innen und Europäer*innen nachdachten. Sie fühlten sich geborgen genug, die eigenen Privilegien und Haltungen kritisch zu hinterfragen. Einmal kam es zu einer Szene, als eine Ägypterin darüber sprach, wie sehr sie unter Rassismus in Deutschland litt, und eine deutsche Teilnehmerin fing an zu weinen. Es war ein herzzerreißender Moment, als die junge Frau sagte, wie traurig sie jedes Mal werde, wenn sie ihren gemeinsamen Podcast anhöre, auf den beide sehr stolz waren. Mich freut es sehr, dass wir einen Raum schaffen konnten, in dem die Menschen sich wirklich zugehört haben.

Nayera: Die meisten Podcasts und Geschichten, die während des Workshops entwickelt wurden, waren sehr persönlich. Und dadurch wurden die Wahrnehmungsverhältnisse umgedreht. Wir leben in Berlin, wo die Wissenschaft entsprechend westlich orientiert ist. Aber im Workshop hatten wir Gelegenheit, anders zu denken. Viele der Teilnehmer*innen hatten zum ersten Mal die Möglichkeit, sich nicht nur über das wissenschaftliche Schreiben auszudrücken, sondern über Installationen oder Geschichten – sie wurden Teil eines Gruppenprozesses.

In welcher Form waren die Themen Gewalt, Trauma und Heimatlosigkeit Teil von home making?

Dina: Träume und Erwartungen im Migrationsprozess waren ein wichtiges Thema. Wir versuchen, Exil aus hoffnungsvoller Perspektive zu betrachten. Aber wir wollen auch die gewaltsamen Erfahrungen, die damit verbunden sind, nicht ignorieren. Auch nicht die Tatsache, dass man sich selbst in seinem eigenen Land heimatlos fühlen kann. Es gibt Menschen, die Exil zwar nicht im wörtlichen, direkten Sinn erleben, die sich aber aufgrund der Gewalt, die sie im eigenen Land erfahren, auch heimatlos fühlen. Für sie kann der Gedanke, in einem anderen Land ein Zuhause zu finden, zu einer ermächtigenden Vorstellung werden. Uns war wichtig, das Konzept Migration im weitesten Sinne zu begreifen und zu betonen.

Natürlich haben wir auch über Chancen und Möglichkeiten gesprochen: Besonders als Frauen kämpfen wir oft damit, uns in unseren Körpern zu Hause zu fühlen. Und manchmal fällt das in neuem Umfeld, mit neuen Möglichkeiten, leichter als zuvor.

Wie schafft man sich, ganz praktisch gesprochen, ein neues Zuhause?

Nayera: Wo immer ich hingehe, habe ich das Bedürfnis, etwas an die Wand zu hängen. Vielleicht, weil ich in Ägypten manchmal das Gefühl hatte, dass mir der Raum, in dem ich lebte, nicht wirklich gehörte. Wenn ich heute auf Reisen bin, muss ich immer zuerst mein Zimmer verändern. Was mir in Europa allerdings fehlt, sind die Geräusche, der Lärm aus Ägypten. Deshalb habe ich immer viel Besuch. Ich mag es nicht, alleine zu Hause zu sein. Wenn mein Mann nicht da ist, lade ich jemanden ein. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, das immer voller Menschen war.

Dina: Auch Essen ist ein wichtiges Thema. Während des Workshops haben wir jeden Tag diskutiert, was wir zu Mittag essen wollen, und wir haben die Teilnehmer*innen eingeladen, ihr eigenes Essen mitzubringen – alles, was die Leute an zu Hause erinnert.

Inwieweit war Berlin selbst Thema eurer Diskussionen?

Dina: Mir war die Diskussion zum Thema Parallelgesellschaft in Deutschland wichtig. Schon um zu betonen, dass wir uns alle engagieren, um diesen Ort zu unserem Zuhause zu machen. Dass wir uns nicht heraushalten, sondern etwas von uns einbringen wollen. Dass wir auch kritisch sind, was unsere eigene Gesellschaft angeht.

Wir hatten zwei Vorträge über die Sonnenallee. Der türkische Wissenschaftler Samil Sarikaya berichtete über Spannungen zwischen den arabischen und türkischen Gemeinschaften, und Iskandar Abdalla, ein ägyptischer Wissenschaftler, sprach darüber, wie wir diese Straße neu denken müssen. Er erzählte, wie wichtig es sei, den Mainstream-Narrativen über die Sonnenallee als „No-go“-Gegend etwas entgegenzusetzen. Abdalla hat uns Berichte aus den Mainstream-Medien über die arabischen Clans gezeigt und ihnen ein künstlerisches Foto von einem Baum mit gefärbten Blättern gegenübergestellt, das er im Herbst in der Sonnenallee aufgenommen hatte. Auch das sei die Sonnenallee, hat er gesagt.

Habt ihr auch über den Rechtsruck im Land gesprochen?

Nayera: Wir haben natürlich auch über home making im politischen Kontext gesprochen. Und es war klar, dass viele von uns einen sehr kritischen Blick auf das Konzept von „Heimat“ haben.

Dina: Aber wir haben uns auch den Rassismus in unseren eigenen Gemeinschaften angeschaut. Es war uns wichtig, uns selbst nicht zu romantisieren, sondern kritisch zu bleiben. Die weiblichen Teilnehmerinnen waren sehr deutlich in ihrer Einschätzung der unterschiedlichen Formen von Diskriminierung in den eigenen arabischen Communities. Viele Frauen haben da sowohl Rassismus als auch Sexismus erfahren.

Aber es ist natürlich auch wichtig, Erfahrungen von Rassismus in Deutschland anzuerkennen.

Wie wollt ihr weitermachen?

Wir möchten weiter kollektiv und kreativ denken und arbeiten. Wir wollen uns aus der akademischen Blase herausbewegen und uns engagieren. Anstatt nur zu schreiben und zu veröffentlichen, wollen wir auch in Zukunft Räume für Wissensproduktion und Diskussionen anbieten. Für Auseinandersetzungen, die dann hoffentlich auch in einer größeren gesellschaftlichen Bewegung stattfinden können.

Dina Wahba

promoviert an der Freien Universität Berlin zu „Politics, Emotion and Affect within the Dynamics of Tahrir Square“. Sie ist Frauenrechtsaktivistin und hat zu einer Reihe von Gender Themen wie sexueller Gewalt, politischer Partizipation und Ermächtigung gearbeitet. Ihre kürzlich veröffentlichte Masterarbeit trägt den Titel „Gendering the Egyptian Revolution“.

Nayera Abdelrahman

promoviert an der Berliner Graduiertenschule für muslimische Gesellschaften und Kultur. Ihr Forschungsprojekt untersucht das Konzept von „Zuhause“ anhand der Zwangsumsiedelungen von Sueskanal-Dörfern in Ägypten 1967. In Ägypten hat sie Geschichtsworkshops koorganisiert (Ehky ya tarikh), um die sozialen und politischen Geschichten marginalisierter Gemeinschaften im Land zu untersuchen und sie mit künstlerischen Mitteln nachzuerzählen.

*Interview und Übersetzung: Tanja Tabbara

Home, Sweet Home?

 In an interactive art project acamdemis Dina Wahbe and Nayera Abdelrahman explore new ways of thinking about migration. They spoke with WIR MACHEN DAS about their project home making, and fresh starts in Germany.
How did the idea for this project and the workshop develop?

Dina: We’ve been in Berlin for two years. And we wanted to better understand our own experience and the experiences of the people around us. We wanted to break away from the confined realms of academia to have a more direct reach into society.

Nayera: For the kick-off of our series we have brought together young academics, activists, and artists to develop new ideas about identity and belonging through podcasts, installation and storytelling. The inspirations came from various sides: in one case via the tassels of a veil that one participant brought from her grandmother who lived in the Nile Delta. At the workshop those tassels were combined with bottle tops that the participants had collected at Berlin’s Maybachufer.

Why did you choose to work with installation and podcast formats?

Nayera: I was inspired by similar workshops in Egypt, that explored the specific histories of marginalised communities through different sources of history and then renarrate and recreate them in artistic ways. We wanted to get academia „out of the written word“.

Dina: We tried to bring ourselves into the research and examine our own experiences and interests in order to look at ourselvs differently. We wanted to know how our stories fit into the stories of our interlucutors. Because that is a way to make Berlin our home.

What was your specific interest with regard to gender in migration and home making?

It is fascinating how the idea of home is highly gendered. Home in Egypt for instance has been a women’s space for centuries. It is a restictive space within a patriarchal system. This dynamic also exists in Germany. And yet it was here that I realised for the first time that gender-equality in the home sphere was actually a possibility. That was an empowering idea, especially in a migration context. In the workshop we looked at how some of us want to reproduce certain aspects of their former homes, yet don’t want to reproduce the gender norms that we grew up with. We collectively tried to reflect on this, trying to avoid the stereotypical image of „this is patriarchy“ versus „this is freedom“ or „this is Egypt“ versus „this is Germany“.  We were simply interested in power dynamics.

You declared the workshop as a space to „unlearn“. What do you mean by this?

Dina: The German and Dutch participants were all researchers working on the Middle East. It was interesting to see how they negotiated their place in the group and reflected on their own positionalities as researchers and as European citizens. They felt safe to critically reflect upon their own privileges and stances. At some point an Egyptian woman talked about how she was suffering from racism in Germany. At the end a German participant started crying. It was a heartfelt moment when she said that every time she listened to their joined podcast it made her feel so sad. But the result was, that we had managed to create a space where people really listened to each other.

Nayera: Most of the podcasts and stories we developed during the workshop were personal ones. And through those stories power dynamics were reversed. We’re in Berlin, where academia is, of course, very westernised. But in the workshop space we had the chance to think differently. For many of the academics attending it was the first time they had the opportunity to express themselves other than in their writing – by telling a story, doing an art installation and by being part of a collective group process.

One subject you discussed is the issue of violence, trauma and homelessness. Can you explain?

Dina: The dreams and expectations in migration processes were a major focus. But discussing exile from a hopeful perspective we still didn’t want to ignore the violence implicated in these processes. For instance how you can be exiled within your own country. Some people don’t experience excile in the direct sense of the word but still feel homeless because of the violence they face in their home countries. Migration, and the prospect of finding and creating a new home, for them becomes an empowering experience. It was very important for us to see how migration can be understood in the widest sense.

We were also keen to explore the chances and opportunities that come with migration. Especially as women we’re often struggling with the idea of being at home in our own bodies. So we wanted people to speak about the chances to reinvent themselves in a migration process.

What are specific home making practices you discussed?

Nayera: Whereever I go, I need to put things on the wall to feel at home. This has a history, since back in Egypt I sometimes felt that I didn’t own the space I lived in. Wherever I travel now I start to change the space. But what I miss are the sounds, the noises from Egypt. I feel the urge to recreate them here, to always have many friends over at my place. I don’t like to stay alone in the house. When my husband is not around I invite somebody over. I grew up in a house that was always full of people.

Dina: Food was also a big issue. Every day in the workshop we discussed what we wanted to have for lunch and we invited the participants to bring their own food, which reminded them of home.

What interested you most in the context of „home making“?

Dina: For me an important interjection was the discussion of a „parallel society“ in Germany.  To express that we all engage in different ways in order to make this place home. That we don’t disengage but try to bring something into this place. That we’re also critical towards our own societies.

We had two talks on Sonnenallee. One by Turkish academic Samil Sarikaya who spoke about the tensions between the Turkish and the Arab communities. But we also had an Egyptian researcher giving a talk on how we have to think differently when we talk about this street. How important it is to present different stories that counter the mainstream narrative of Sonnenallee as a „no-go-area“. He presented the media mainstream stories of Arab clans and then showed us a beautiful artistic picture that he had taken in autemn, Showing a tree with coloured leaves, saying that this was also Sonnenallee.

Did you discuss the rise of right wing movements – is there anxiety amongst the community?

Nayera: Of course we discussed the concept of home making in its political context. We discussed that many of us had a critical approach to the concept of „Heimat“.

Dina: But we also looked at the experience of racism in our own communities. It was important to us not to romanticise ourselves, but to be critical here as well. The female participants were very outspoken about the different forms of racism in our own communities. This is where the issue of intersectionality comes in. Many women have experienced racism and sexism in their own Arab communities. Still, it is important to acknowldge the experience of racism in Germany – from everyone’s perspective.

How are you planning to continue?

Dina: We’re interested in thinking and working collaboratively and creatively. How can we produce knowledeg without falling into a populist trap? How can we get out of our academic bubble and be engaged? Those ar the questions that we want to engage in. That’s why we want to continue to offer spaces where knowledge production and discussions can be part of a wider struggle and feed into it rather than just write and publish.

* Interview and translation: Tanja Tabbara

Dina Wahba is currently pursuing her PhD at the Freie Universität Berlin, in “Politics, Emotion and Affect within the dynamics of Tahrir square.” Dina is a women’s rights activist who has worked on a number of gender issues, such as sexual and gender based violence, leadership, political participation and empowerment. Her recently published thesis topic is “Gendering the Egyptian Revolution.”

Nayera Abdelrahman is currently a PhD fellow at the Berlin Graduate School for Muslim Societies and Cultures, Freie Universität Berlin. Her research project is questioning the concept of home through the study of the 1967 forced migration in Suez Canal cities in Egypt.

Nayera co-organized the first History Workshops in Egypt Ehky ya Tarikh to explore the social and political histories of marginalized communities in Egypt that were renarrated through means of art.

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